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“Ich mache alles” – Erfahrungen eines Jobvermittlers

von am 20. August 2012

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“Ich mache alles!” Wie oft hatte Andrew, Chef der Jobvermittlung “The JobShop” in Perth, diesen Satz schön gehört und wie oft hatte er in diesem Moment bereits keine Lust mehr, den Bewerber noch weiter zu befragen. Aber ganz Profi versucht er es trotzdem. “Wo liegen denn Deine Interessen?” – “Wo liegen deine Stärken?” – “Hast Du bereits Erfahrungen gesammelt? Wenn ja, in welchen Bereichen?” “Eigentlich sollten diese Fragen erst gar nicht gestellt werden müssen, sondern vom Bewerber selber kommen”, erklärt mir Andrew bei einem Interview. “Doch die meisten Bewerber kommen weder auf die Idee, gleich konkret ihre Stärken aufzuzeigen, noch bei gezielten Fragen konkret zu antworten. Sie sitzen nur da, lächeln und sagen: Ich mache alles!”

Andrew erklärt: “Für den Arbeitgeber ist es wichtig, eine Person einzustellen, die zum einen konkret weiß, was sie will und zum anderen genau in das ausgeschriebene Jobprofil passt. Die Aussage: ´Ich mache alles`, ist die falscheste, die man machen kann, denn ich werde den Bewerber mit Sicherheit nicht vermitteln können.” Engagement ist das Wichtigste, was man für einen Job braucht, das macht Andrew unmissverständlich klar, denn mit Engagement kommt auch der Spaß an der Arbeit und der Wille, es gut und richtig zu machen. Besonders Pubs brauchen Barpersonal, das von sich aus fragt: “Möchten Sie noch ein Bier?” und nicht erst wartet, bis der Gast ein neues bestellt. “Gutes Barpersonal weiß, wann sie den Gast fragen können und genau solche Leute sind gesucht und werden auch gut bezahlt”, erklärt mir Andrew. “Pubs wollen Getränke verkaufen, sie sind keine Wartehalle für Gäste, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Ein guter Barkeeper weiß das.”

“Also”, frage ich, “wie bewirbt man sich richtig?” “In dem man mir freundlich und entschlossen gegenübersitzt und mich davon überzeugt, dass man, auch wenn man keine Erfahrungen in einem bestimmten Bereich gesammelt hat, trotzdem den Job meistern kann. ´Ich arbeite gerne mit Menschen` ist zum Beispiel ein guter Anfang. Oder – ´verkaufen liegt mir`. Oft ist es auch die gesamte Persönlichkeit, die mich überzeugt, Jemand der oft und gerne lacht, einen kleinen Witz macht, viel redet, aufgeweckt und entschlossen ist. Diese Menschen können sich schnell neue Sachverhalte aneignen und neue Aufgaben besser meistern, als die Verschlossenen, die den Mund nicht aufbekommen.”

“Wie sieht denn die Jobsituation generell aus?” frage ich. “Im Großen und Ganzen gut”, erwiedert Andrew. “Man kann sagen: Je weniger Erfahrung man hat, je eher sollte man sich darauf einstellen, nicht in den großen Städten wie z.B. Perth arbeiten zu  können, sondern das hier eher eine Arbeit in einer Kleinstadt in Frage kommt. Dort, wo  eben nicht so viele Bewerber hin möchten.” “Das heißt also”, ergänze ich, “wer viel Erfahrung als Barkeeper hat oder Autos reparieren kann, kann auch in Perth einen Job bekommen, wer keine Erfahrungen hat, aber aufgeweckt ist, findet in einem kleinen Country-Pub oder einem kleinen Geschäft in einem Provinznest einen Job?” “Genau. Warum also nicht ´klein`anfangen, sich an die großen Städte herantasten. Man fängt in einem Country-Pub an und arbeitet sich zu einer Bar in Brisbane ´hoch`. Das ist gar kein Problem.”

Meine nächste Frage: “Für welchen Zeitraum sind die Jobs ausgelegt?” “Die meisten Jobs sind auf 3 Monate ausgelegt”, erwiedert Andrew klar und deutlich. “Besonders die Country-Pubs stellen selten Leute unter 3 Monaten ein. Manchmal haben wir jedoch auch Jobs für einen kürzeren Zeitraum, aber nie werden hier Anfänger gesucht. Eine Bar, die jemand für zwei Wochen sucht, kann die Person nicht erst einarbeiten. Sie muss am 1. Tag bereits voll einsatzbereit sein.” Ich frage Andrew nach seinen Erfahrungen mit den Bewerbern, die in einen Country-Pub vermittelt werden. Gefällt der Job? Wie kommt man mit dem Leben in einem kleinen Ort zurecht? “Einige sind zuerst etwas verunsichert. In manchen Country-Pubs geht es etwas rauh zu, aber man lernt schnell, dass die Australier auf dem Land sehr herzlich sind. Ein neuer Barkeeper oder ein neues Mädchen unter der Theke macht schnell die Runde und nach wenigen Wochen hat man praktisch die ganze Stadt kennengelernt, denn in kleinen Orten spielt sich das gesellschaftliche Leben oft im Pub ab. Ist man neuen Bekanntschaften nicht abgeneigt, wird man viele neue Freundschaften und interessante Erfahrungen machen, die man noch seinen Enkeln erzählen kann.

Viele denken, in einer Kleinstadt ist nicht viel los, aber das stimmt nicht. Wenn man sich nicht in seinem Zimmer verkriecht – was leider einige machen – dann wird man hier und dort eingeladen, zu Barbecues mitzukommen, eine Sportveranstaltung zu besuchen oder für ein Schulfest den Getränkestand zu übernehmen. Es kommt ganz darauf an, ob man dem aufgeschlossen gegenübersteht oder nicht.” “Was für Jobs gibt es noch?” frage ich. “Wir vermitteln auch viele Leute, vor allem junge Männer, auf Farmen im Outback, die mit Maschinen umgehen können. Mechaniker haben hier gute Chancen, ebenso wie Tischler und Elektriker, aber auch Leute, die auf einer Farm aufgewachsen sind. Motorradfahren sollte man z. B. können, wenn man auf einer Schaf- oder Runderfarm arbeiten möchte. Natürlich können solche Jobs auch Mädchen machen, die handwerklich geschickt sind, mit Maschinen oder Tieren umgehen können. Nur darf man hier auf keinen Fall zimplerlich sein, denn die Arbeitskollegen sind meist männlich und daher geht es recht derb zu. Ob ein Mädchen für diese Arbeit geeignet ist, sehe ich bereits beim ersten Gespräch.” Ich bedanke mich bei Andrew für dieses aufschlußreiche Interview und glaube, dass diejenigen, die in Australien auf Jobsuche gehen wollen, Andrews interessenten Tipps bei der Jobsuche sehr hilfreich sein können.


  ©  Copyright Foto oben: Tourism Australia

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2 Kommentare
  1. Antworten

    Lahoney

    18. Januar 2011

    Super tolles Interview, da bekomm ich gleich richtig lust loszustarten :-)…

    Beginne mein W&T im Mai und starte in Dawin, an alle Pubs und Bars …..alohaa ich komme :-).

    Grüße Lahoney

  2. Antworten

    Daniel

    22. Februar 2011

    Hey…
    Das Interview ist echt Aufschlussreich!Gefällt mir.
    An Lahoney: Ich beginne mit meiner Reise und meiner Freundin auch ab Ende April in Darwin.
    Vielleicht läuft man sich ja übern Weg;-)

    Lg

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