Thailand News

Ohne Geld um die Welt – Reisen um jeden Preis

von am 6. September 2017

Reisen ist in - die Kosten sinken und so ist es nur zu verlockend, einen Flug zu buchen und sich ohne jeglichen Plan treiben zu lassen. Eigentlich eine tolle Vorstellung. Jedoch: Wofür früher ein Polster angespart wurde, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, sollen heute die Einwohner der weitaus ärmeren Zielländer zahlen.
    

   

Jung, privilegiert und neugierig auf die Welt, außerhalb der Komfortzone voller Flachbildschirme, Lieferdienste und hipper Second Hand Läden - das sind die Backpacker, die bevorzugt nach Südostasien aufbrechen, um "sich selbst zu finden". Leider hat sich unter einigen Reisenden ein Trend herum gesprochen, der moralisch fraglich ist. Die Rede ist von Begpacking. Wer über Bangkoks Khao San Road flaniert, hat das vielleicht schon einmal mitbekommen: am Straßenrand sitzen junge Menschen, offensichtlich aufgewachsen in westlichen Ländern, und betteln. Teils mit Schildern, die sagen: "I'm travelling around the world without money, please fund my travels", manchmal illegal mit Musikinstrumenten oder selbst gemalten Postkarten, die sie zum Verkauf anbieten.

Bis zur Abschiebung

Vorreiter war wahrscheinlich der deutsche Benjamin, seit Jahren lebt er den Lebensstil "ohne Geld um die Welt" vor. 2014 flog er nach Thailand, wo ihm innerhalb einer Woche das Ersparte ausging. Also setzte er sich an die Straße und bettelte. Eine gute Hilfe war ihm sein Bein, welches aufgrund der Krankheit Elefantitis stark angeschwollen ist. Bemitleidenswert sah er aus und so kamen einige Almosen zusammen, die er in Pattaya verprasste. Als die Thailänder zufällig über Fotos von Barmädchen mitbekamen, dass er das für Medikamente gedachte Geld auf diese Art nutzte, wurde er umgehend nach Deutschland abgeschoben und mit einem Einreiseverbot bestraft. Seitdem haftet ihm der Titel "der meistgehasste Deutsche" an. Abschrecken tut ihn das nicht: weitere Anzeigen sammelte er in Kambodscha und Dänemark und auch auf den Philippinen, in Malaysia und Indonesien lässt er es sich gut gehen. Besonders dreist: bei Facebook prahlt er damit, wie er in teuren Hotels übernachtet und abends sein erbetteltes Geld für Prostituierte ausgibt.

Zurück zu den normalen Backpackern

Benjamin ist natürlich ein extremes Beispiel. Dass die Sympathie für bettelnde Reisende auf Seiten der Einheimischen jedoch weniger wird, ist nachvollziehbar. In den sozialen Netzwerken tauchen unter #begpacking vermehrt Fotos von Nachahmern auf, welche die Einwohner der Touristenhochburgen posten, um ihrem Unmut Luft zu machen. Denn sie sind schockiert: Eigentlich sind Reisende gern gesehen und werden freundlich empfangen, dass das Vergnügen Einzelner aber von den Gastgebern finanziert werden soll, stößt auf Unverständnis.

Nun könnte der Gedanke kommen: "Okay, sie zwingen ja niemanden ihnen Geld zu geben" . Das ist natürlich richtig, ein fader Beigeschmack kommt auf, wenn man sich vor Augen führt, dass der Mindestlohn in Thailand bei 300 Baht, also ca. 7,50 € am Tag liegt und das durchschnittliche monatliche Einkommen bei umgerechnet 345 € (Stand 2017).  Thailand ist für uns ein günstiges Reiseland - Mahlzeiten bekommt man für unter 1 €, ein Bett im Hostel unter 10 €, ähnlich sieht es in den anderen südostasiatischen Ländern aus. Den Einheimischen bleibt der Luxus des Reisens, selbst wenn es budgetfreundlich ist, bei den geringen Gehältern, trotzdem meist verwehrt.

Maisarah Abu Samah aus Singapur sagte dem englisch-französischen Magazin Observer: „Wir finden es extrem befremdlich, andere Menschen um Geld zu bitten, um sich eine Reise zu finanzieren. Dinge auf der Straße zu verkaufen oder zu betteln ist nicht anständig. Menschen, die betteln, sind wirklich in Not: Sie betteln, um Lebensmittel zu kaufen, um das Schulgeld für ihre Kinder zu bezahlen oder Schulden zurückzuzahlen. Aber nicht um etwas so Luxuriöses zu tun.“

Einheimische der wirtschaftlich schlechter gestellten Reiseländer anzubetteln bei der Finanzierung eines Luxusguts zu helfen, welches sie selbst niemals kennen lernen werden, ist offen gesagt frech. Hier wird die Hilfsbereitschaft der Menschen ausgenutzt und einfach ausgeblendet, dass allein der Flug bereits das monatliche Einkommen einer Familie gekostet hat. Als Reisender sollte man niemals vergessen, dass man Gast im jeweiligen Land ist und sich so verhalten.

Besser ist es, sich vor der Reise in eines dieser Länder zu fragen: Wie könnte ich den Menschen durch Kleinigkeiten helfen? Es muss nicht immer mehrwöchige Freiwilligenarbeit sein: Ein kleines Trinkgeld ist für uns nicht die Welt und regionale Spezialitäten schmecken in inhabergeführten Restaurants ganz wunderbar - das große M gibt es schließlich auch zuhause. Statt bei den internationalen Hotelketten zu nächtigen, bietet ein lokales Gästehaus ein weitaus authentischeres Erlebnis und hilft zudem den Menschen, hoffentlich niemals in die missliche Lage zu geraten, wirklich Betteln gehen zu müssen.

Und mal ehrlich: Wie toll kann ein künstlich in die Länge gezogener Urlaub sein, wenn man seine Zeit damit verbringt, an der Straße zu sitzen? Hier gilt Qualität vor Quantität und ein bisschen mehr Respekt bitte!


Quelle: Welt, Observer
© Foto: Eline Bakker

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