Ein Australier in Berlin

Der Australier und Fußball – eine zaghafte Liebelei

von am 15. Juli 2014

Weltmeister! Endlich dieser lang ersehnte, vierte Stern auf den Trikots! Zwar hat das Southern Cross noch einen Stern mehr am Firmament, aber mit dem Finalspiel ließ sich schließlich auch der Australier in unserer Fan-Runde zu Aufregung und Begeisterung hinreißen.

Zurück auf Anfang: Corey hatte zuvor mit Fußball so viel zu tun wie mit deutschen Futur II – Regeln. Als dann die WM nahte, versuchte ich mein Bestes, ihn mit Fanparolen und melancholischen Geschichten aus der jüngsten WM-Vergangenheit von dieser Sportart zu überzeugen. An unserem Balkon hingen schon längst die australische und deutsche Flagge in wehender Eintracht. Das 1. Spiel seiner Heimat-Mannschaft Australien verschlief er, während ich zumindest noch die 1. Halbzeit durchhielt. Von den Spielern kannte ich mehr bei Namen als er. Und das Mitsingen seiner Nationalhymne verweigerte er konsequent. Das Ausscheiden der australischen Mannschaft nach der Vorrunde “tangierte ihn daher nur peripher”, wie es so schön heißt. Bei den Deutschland-Spielen schaffte er es zumindest, die Augen auf den Bildschirm zu richten, auch wenn sich die Gedanken wahrscheinlich eher um irgendwelche Minecraft-Bauvorhaben als um vergebene Torchancen drehten. Dank aufgeschminkter Flaggen im Gesicht sah er wenigstens optisch aus wie ein Pseudo-Fußballfan.

Weltmeister-Feier auf der Fanmeile in Berlin

Trotz des fehlenden Fußballinteresses bediente Corey während der Spiele das allseits bekannte Meisterschafts-Phänomen: herrlich fachmännische Kommentare und “fundierte” Kritik, was Taktik und Fouls betrifft. Diese beliefen sich auf folgende Kernaussagen: Fußballspieler haben offensichtlich zu viel Zeit für die Haarfrisur, sind grundsätzlich “Weicheier”, jammern bei jedem Wehwehchen zu tiefst betroffen in die Kamera und glänzen in schauspielerischer Höchstform, wenn es ums “Sturz-Fliegen” geht. Ich glaube, die Brasilianer und Holländer hat er diesbezüglich besonders in Herz geschlossen. Wenn es dann nach 90 min noch immer 0:0 stand, und das passierte ja bei dieser WM nicht selten, kam das australische Rundumschlag-Argument: Fußball ist einfach unspektakulär. Elfmeterschießen wiederum fand er spannend. Endlich mal Action!

Zu Coreys Verteidigung ist zu sagen: Er ist Football-Spieler durch und durch. Beim Aussie Rules Footy fallen die Punkte wie Kegel beim Bowlen und die Spieler schuppsen einander, als gäbe es kein Morgen. Nicht umsonst sind Coreys Schulterblätter und Knie eine Fundgrube für jeden Orthopäden. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Fußball und Football sind die bunt-gestochenen Körper der Spieler.

Keine Beuteltiere in Österreich

Als wir jedoch am Sonntag in Berlin auf der Fanmeile standen und mitfiebernd das Spiel verfolgten, funkte plötzlich so etwas wie Aufregung in seinen Augen. Bei jedem Torschuss riss er die Arme in die Höhe, bei jedem Passspiel kam ein “good shot” über seine Lippen. Ich fragte ihn, woher plötzlich diese Euphorie kam. Er meinte, es sei schließlich ein Finale, wie beim AFL Grand Final eben. Als ich ihn dezent darauf hinwies, dass dieses Finale schon noch ein wenig bedeutender ist, da es nur alle 4 Jahre stattfindet und die Gegner sich weltweit messen, während das AFL Grand Final alle Jahre wieder nur mit australischen Teams abgehalten wird, nahm er das ohne Kommentar in Kauf.

Nicht nur die Fußball-WM ist vorbei. Vorerst hat Corey auch mit der Sprachschule abgeschlossen. 7 Monate Unterricht am Stück zerren doch arg an der Motivation, sodass eine Pause dringend nötig war, um die Batterien wieder aufzuladen. Außerdem hat Corey vor einigen Wochen erfolgreich sein B2-Level bestanden, was ihm solide Grundkenntkenntnisse in der deutschen Sprache bescheinigt. Gerade viele Arbeitgeber möchten dies als Nachweis bei der Bewerbung haben. Mit dem Sprach-Zertifikat in der Hand wagen wir jetzt den nächsten Schritt und versuchen, einen Job bzw. eine Ausbildung für ihn zu finden, um daran seine weitere Aufenthaltserlaubnis zu knüpfen. Da Deutschland immer nach Nachwuchs gerade im handwerklichen Bereich schreit, hoffen wir, dass der Bewerbungsruf eines Australiers erhört wird. Der Lebenslauf ist jedenfalls schon geschrieben und versandtfertig.

Aussicht auf Garmisch-Partenkirchen

Doch bevor der Arbeitsernst in Deutschland richtig losgeht, gönnten wir uns unseren ersten gemeinsamen “Heimaturlaub”. Australien wurde dieses Jahr aus dem Urlaubsplan gestrichen, Deutschland erhielt den Vorrang. Da Corey das Meer zur Genüge von Zuhause kennt, ging es stattdessen in die Berge, genauer gesagt zur Zugspitze. Zwischen Wolken, Regen und Sonne wanderten wir dahin, erklommen Schlösser und Schanzen, fuhren hoch hinaus und stolperten schnaufend hinunter. Zwischendrin stärkten uns regelmäßig Hefeweizen, Schweinebraten und Knödel. Ich glaube, Corey hätte rein kulinarisch nichts dagegen einzuwenden, im Land der blau-weiß-Karierten zu leben. Auf Lederhosen kann er jedoch verzichten.

Corey & seine große Sehnsucht: Lucy, der Ute

Worauf er nur ungern verzichtet, ist sein Auto “Lucy”. Sein “Autoweh” wird allmählich immer größer. Sicherlich könnte er hier fahren. Australier haben das Glück, ohne erneuten Fahrtest einfach umherfahren zu dürfen. Dafür müssen sie jedoch, sobald sie in Deutschland länger als 6 Monate leben bzw. gemeldet sind, ihren australischen Führerschein abgeben und verwahren lassen. Erst dann erhalten sie einen deutschen Führerschein, der ihnen die gleichen Fahrrechte gibt. Von seinem australischen Führerschein möchte sich Corey “physisch” allerdings nicht wirklich trennen. Seit Jahren ist dieser sein Identifikationsmittel, sein Stück Heimat, die letzte Verbindung zu seinem Auto. Letztendlich vermisst er nicht nur sein Holden Pick Up, sondern vor allem das Fahrgefühl in Australien. Und jeder, der schon mal in Australien “on the road” war, weiß, dass man dieses Freiheitsgefühl auf deutschen Straßen (mit Ausnahme des Geschwindigkeitsrausches auf den Autobahnen) nie bekommen wird.

Bis dahin, Steffi & Corey

STICHWORTE

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