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Krokodile küsst man nicht – eine Kontroverse zu Krokodilfarmen

von am 10. Oktober 2016

Das größte Landraubtier Australiens bewohnt das Top End des Nothern Territory und nördlichen Queenslands fühlt sich in dessen Flussmündungen, Mangroven, Tümpeln aber auch an den Stränden Zuhause. Doch statt Süß- und Salzwasserkrokodile in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, ködern Krokodilfarmen immer mehr Besucher durch das Versprechen eines unvergesslichen Erlebnisses mit den schuppigen Bewohnern.
 

© Foto: Tourism Northern Territory / Peter Eve

 
Der Wildtiertourismus boomt und immer mehr Attraktionen locken ahnungslose Urlauber mit den schuppigen Echsen des australischen Nordens. Die Unterhaltungsprogramme entsprechen selten einer artgerechten Haltung und das Wohl der Tiere ist für die Farmen nur von Interesse, solange sie einen finanziellen Ertrag einbringen.

Den Krokodilen werden dabei sämtliche Existenzrechte abgesprochen, ja sie werden nicht einmal mehr als eigenständige Lebewesen betrachtet und dienen als Mittel zum Zweck. Ob zum Amüsement der Besucher, als teure Handtasche oder Portemonnaie – die Hauptsache ist, dass der Umsatz stimmt.

 
Unwürdige Lebensbedingungen und ein qualvoller Tod

Unter unwürdigen Bedingungen „reifen“ die meisten Tiere heran, bis sie groß genug für die Schlachtbank sind. Ihre Haut wird zu Leder für Luxus-Güter verarbeitet und ihr Fleisch gilt als exotischer Leckerbissen.

Weltweit beobachten viele Tierschutzorganisationen eine brutale Herangehensweise bei der Tötung: Skrupellos werden den Tieren die Köpfe eingeschlagen, minutenlang zittert und zuckt das Tier von Schmerzen geplagt vor sich hin, bis es schließlich einen qualvollen Tod erleidet.

In manchen Fällen leben die Tiere sogar noch, während ihnen die Haut bereits abgezogen wird. Grausame Szenen, die aufzeigen, was dem Auge des Zuschauers verwehrt bleibt, wenn der Vorhang fällt.

Und das alles nur, um als glamouröses Statussymbol die Taschen der Farmbetreiber zu füllen.
 

Eine mittelgroße Handtasche kostet drei halbwüchsigen Krokodilen das Leben

 Für eine mittelgroße Handtasche werden drei halbwüchsige Krokodile benötigt. Das bereitet den Designern und Mode-Mogulen ein großes Problem, denn das Angebot deckt die Nachfrage mittlerweile nicht ab. Eine erschreckende Tatsache, welche das traurige Schicksal unzähliger Krokodile besiegelt.

Manch einer versucht bei solchen Fakten Trost darin zu finden, dass die Tiere vor ihrem gewaltsamen Ableben wenigstens ein schönes Leben führten. Aber dem ist leider nicht so.

Viel zu kleine, überfüllte Gehege (in Fachkreisen als „Crowding“ bekannt)  setzen die Tiere unter Stress.

Da Krokodile als äußerst territorial gelten, kommt es in solchen Situation oft zu kämpferischen Auseinandersetzungen. Nicht selten führt das zu lebensgefährlichen Verletzungen oder Verstümmlungen.
 

Einzelne, große Exemplare dienen als Touristenattraktion

Einzelne, imposante Exemplare führen meistens ein gestresstes und einsames Leben als Touristenmagnet. Ob das Tier seine Rationen durch zusätzliche Fütterungen überschreitet, dem Stress durch den Besucherandrang gewachsen oder in eine Lethargie verfallen ist, scheint für viele Institutionen von keinem Interesse.

Ein Beispiel für solche Touristenfallen bietet sich dem Besucher mitten im Stadtzentrum Darwins in der Crocosaurus Cove. Diese Krokodil-Station wirbt mit einer besonderen Attraktion, die eigentlich nichts weiter als die Spitze des Eisbergs der Tierquälerei und des Wildtiertourismus darstellt.

Mithilfe einer Glasröhre kann man in das Gehege eines „Salties“ eintauchen und die über 5m lange Echse unter Wasser aus direkter Nähe bestaunen. Die Glasglocke wird insgesamt 12 mal täglich in das Krokodilbecken abgetaucht und verweilt dort jeweils 15 Minuten.

Um das Ganze noch gesellschaftskonform zu verpacken, sorgt von außen ein Fotograf für spektakuläre Aufnahmen des „einzigartigen“ Tauchgangs. Dank der verstärkten Verbreitung der Bilder in den sozialen Netzwerken wird dieses makabere Phänomen derzeit als Sensation gefeiert. Das Leid der Tiere geht dabei völlig unter.
 

Glasglocke birgt Gefahr für Mensch und Tier
 

Dieser besorgniserregende Trend gefährdet nicht nur das Tier, sondern wie schon in australischen Medien berichtet wurde, auch den Menschen.

Zum einen wird das Tier permanent unnötigem Stress ausgesetzt und steht unter Anspannung. Das Risiko des Tieres für Immunerkrankungen wie auch Entzündungen steigt und kann sogar zum plötzlichen Tod führen.

Andererseits sorgte der umstrittene „Todeskäfig“ in den letzten Jahren schon mehrmals für Furore, denn die Glasglocke bleibt nicht vom technischen Versagen verschont.

Einmal musste eine Touristin knappe 3 Stunden darin ausharren, da der Käfig eingerastet war und über dem Becken festhing. Unter ihr drehte das Krokodil seine Runden. Ein anderes Mal löste sich unter lautem Knallen während des Tauchgangs ein Kabel, wodurch die beiden Insassen Unterwasser im Gehege festsaßen. Durch schnelles Handeln des Fachpersonals konnten sie über eine Rettungsleiter dem gefräßigen Beckenbewohner entkommen.

Bisher ging immer alles noch gut aus. Obwohl diese Vorkommnisse genügend Gründe für einen Handlungsbedarf seitens der zuständigen Behörden liefern, bleibt das Wagnis weiterhin bestehen.

Der Mensch kann sich dieser Tortur durch eine bewusste Entscheidung dagegen entziehen. Dem Tier bleibt keine Wahl. Völlig eingeengt in einem kleinen Becken wird es 12mal am Tag durch das Eindringen der Tauchglocke bedrängt und die Gesundheit des Tieres unergiebig Stresssituationen ausgesetzt. Einen Rückzug vor den Massen gibt es nicht.
 

Nationalpark statt Krokodilfarm
 

Für diejenigen, die gerne ein einheimisches „Saltie“ oder „Freshie“ zu Gesicht bekommen wollen, lohnt es sich, die Mühe einer Tagestour auf sich zu nehmen und nach den Tieren in ihrem natürlichen Habitat Ausschau zu halten.

Im Top End gibt es entlang der Wetlands unzählige Möglichkeiten, freilebenden Exemplaren zu begegnen.

Vermutlich wirkt auch ein Krokodilsprung aus dem trüben Flusswasser um einiges erhabener, als der Sprung eines völlig überfütterten Artgenossen im viel zu kleinen Schwimmbecken.

Man kann sie nicht zähmen und erst recht handelt es sich nicht um harmlose Kuscheltierchen, die man streicheln und knuddeln kann – auch nicht, bei Jungtieren.

Krokodile sind Spitzen-Prädatoren, die in Freiheit gehören. Es sind eigenständige Lebewesen, denen es gilt, entsprechenden Respekt entgegenzubringen.

Wer dennoch eins von ihnen sehen möchte, sollte sein Geld lieber in seriöse Tourunternehmen investieren und den Besuch dubioser Krokodilfarmen unterbinden.


© Fotos: Northern Territory Tourist Commission / Peter Eve
Quellen: ABC News (09.06.15, 16.10.11), NT News (03.10.16), Pro Wildlife

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