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Nonstop nach Sydney – Zukunft des Reisens oder 22 Stunden Ausnahmezustand?

© Foto: Qantas

Nonstop von London nach Sydney in rund 22 Stunden: Qantas macht es möglich. Doch ist ein so langer Flug für Economy-Passagiere wirklich zumutbar? Eine kritische Einordnung.

Qantas und Airbus haben mit „Project Sunrise“ einen Meilenstein erreicht: Ein speziell entwickelter Airbus A350-1000ULR blieb mehr als 24 Stunden in der Luft. Der Testflug führte nonstop von Toulouse nach Melbourne und drei Tage später von Melbourne wieder zurück nach Toulouse und soll den Weg für die weltweit längsten Linienflüge ebnen. Geplant sind ab 2027 Direktverbindungen zwischen Sydney und London – später auch nach New York. Die Flugzeit: bis zu 22 Stunden.

Technisch ist das zweifellos eine beeindruckende Leistung. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob das Flugzeug es schafft, sondern ob die Passagiere es schaffen.

Beeindruckende Technik

Der neue Airbus A350-1000ULR wurde speziell für Qantas entwickelt. Ein zusätzlicher Treibstofftank macht Reichweiten von fast 20.000 Kilometern möglich. Die Maschinen sollen rund 238 Passagiere aufnehmen und deutlich weniger Sitzplätze bieten als herkömmliche Langstreckenflugzeuge – zugunsten von mehr Platz.

Aus technischer Sicht verschiebt Airbus damit erneut die Grenzen des Machbaren.

Doch was bedeutet das für die Menschen an Bord?

Als jemand, der Australien inzwischen viele Male bereist hat, sehe ich diese Entwicklung durchaus kritisch.
Schon heute gehören Flüge nach Australien zu den anstrengendsten Reisen überhaupt. Selbst mit einem Zwischenstopp in Singapur, Dubai oder Doha sehnen viele Reisende nach 12 bis 14 Stunden die Gelegenheit herbei, einmal aufzustehen, frische Luft zu schnappen oder einfach den Flughafen für eine Stunde zu erleben.
Ein Nonstopflug von 21 oder 22 Stunden nimmt genau diese Erholungspause weg.

Natürlich spart man Zeit. Aber ist das automatisch angenehmer? Ich bin mir da keineswegs sicher.

Mehr Komfort – aber wie viel mehr?

Nach den inzwischen veröffentlichten Kabinenentwürfen wird deutlicher, wie Qantas die extrem langen Flüge angenehmer gestalten möchte. Die Economy Class erhält unter anderem einen Sitzabstand von 83,8 cm, größere Bildschirme, USB-C-Anschlüsse und zusätzliche Ablageflächen.
 

© Foto: Qantas

Economy Class

Die Premium Economy bietet noch mehr Platz sowie Beinauflagen für mehr Komfort. Außerdem soll eine sogenannte Wellbeing Zone allen Passagieren einen Bereich zum Dehnen und Bewegen bieten.

Das sind ohne Zweifel sinnvolle Verbesserungen. Doch für einen Flug von bis zu 22 Stunden hätte ich persönlich mehr erwartet.

Die Economy-Sitze wirken modern, unterscheiden sich aber nicht grundlegend von denen vieler heutiger Langstreckenflugzeuge. Auch die viel beworbene Wellbeing Zone fällt nach den veröffentlichten Bildern überraschend klein aus. Sie bietet Platz für Dehnübungen mit Anleitungen auf Bildschirmen sowie Erfrischungen – ersetzt aber natürlich weder einen Spaziergang noch die Möglichkeit, sich wirklich ausstrecken oder hinlegen zu können.

Genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt: Am Ende verbringt ein Economy-Passagier trotzdem fast einen ganzen Tag überwiegend sitzend. Ob ein etwas größerer Sitzabstand und eine kleine Bewegungszone ausreichen, um einen derart langen Flug deutlich angenehmer zu machen, wird erst der Linienbetrieb zeigen.
Ein flaches Bett gibt es schließlich nur in der Business oder der First Class.
 

© Foto: Qantas

Premium Economy

 
Auch gesundheitlich eine Herausforderung

Je länger ein Flug dauert, desto wichtiger werden Bewegung, ausreichendes Trinken und regelmäßiges Aufstehen.

Zwar verfügen moderne Flugzeuge über bessere Luftfeuchtigkeit, leisere Kabinen und ein angenehmeres Raumklima als ältere Generationen. Dennoch bleibt eine Flugdauer von über 20 Stunden für den Körper eine enorme Belastung.

Nicht jeder schläft im Flugzeug gut. Viele leiden unter Rückenschmerzen, geschwollenen Beinen oder schlicht unter dem Gefühl, „eingesperrt“ zu sein.

Für wen lohnt sich der Nonstopflug?

Es gibt durchaus Reisende, für die das Konzept attraktiv ist.
Geschäftsreisende in der Business Class können den Großteil des Fluges liegend verbringen und sparen mehrere Stunden Reisezeit. Auch Familien mit kleinen Kindern möchten vielleicht lieber einmal sehr lange fliegen als mitten in der Nacht mit müden Kindern umzusteigen.

Für viele Urlauber dürfte jedoch weiterhin gelten: Ein Zwischenstopp kann anstrengend sein – aber er bietet auch die Möglichkeit, sich zu bewegen, den Kreislauf in Schwung zu bringen und mit neuer Energie in den zweiten Teil der Reise zu starten.

Mein Fazit

Technisch ist Project Sunrise ohne Zweifel eine Meisterleistung. Dass ein Passagierflugzeug künftig fast 22 Stunden nonstop zwischen Sydney und London fliegen kann, ist beeindruckend.
Ob das Reisen dadurch tatsächlich angenehmer wird, bezweifle ich jedoch.

Nachdem Qantas nun die Kabinenausstattung vorgestellt hat, bin ich eher ernüchtert. Während First und Business tatsächlich völlig neue Maßstäbe setzen, wirken die Verbesserungen für die große Mehrheit der Passagiere überraschend überschaubar. Ein Sitzabstand von 33 Zoll (83,82 cm), größere Bildschirme und eine kleine Wellbeing Zone mögen den Flug vielleicht etwas angenehmer machen, sie ändern aber nichts daran, dass Economy-Passagiere fast einen ganzen Tag auf einem Flugzeugsitz verbringen werden.

Für mich entsteht der Eindruck, dass Project Sunrise vor allem ein Prestigeprojekt ist. Technisch beeindruckend, keine Frage, doch den größten Komfortgewinn genießen die wenigen, gut zahlenden Passagiere in First und Business Class. Die überwältigende Mehrheit der Reisenden in der Economy muss dagegen weiterhin fast 22 Stunden sitzend verbringen. Das erscheint mir trotz aller Verbesserungen kein überzeugendes Konzept.

Nach vielen Reisen nach Australien würde ich mich auch künftig lieber für einen Flug mit Zwischenstopp entscheiden. Ein oder zwei Stunden Bewegung am Boden, frische Luft und die Möglichkeit, den Körper einmal aus dem Flugzeug herauszubekommen, sind für mich mehr wert als drei oder vier Stunden Zeitersparnis.

Project Sunrise wird zweifellos Luftfahrtgeschichte schreiben. Ob es für die meisten Reisenden auch die angenehmere Art sein wird, nach Australien zu fliegen, daran habe ich erhebliche Zweifel.
  

© Foto: Qantas

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Quelle: Qantas

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Sabine Hopf

Sabine, Gründerin der Webseite "Reisebine.de", Fotografin und Chef-Redakteurin unserer Online-Redaktion. Sabine bereiste Australien seit 1987 rund 17x und kennt den roten Kontinent wahrscheinlich besser als ihre Heimatstadt Berlin.

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