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„Lest we forget“ – Der Anzac Day in Down Under

von am 25. April 2013

Am 25. April jeden Jahres zelebrieren Australien und Neuseeland sowie die Südsee-Inseln Fidschi, Tonga und Niue einen für sie sehr bedeutenden Feiertag – den sogenannten Anzac Day.

Wirklich überall in Down Under begegnet man dem Wort Anzac – in Straßennamen, in Zeitungen, auf Armbändern und sogar auf Kekspackungen. Es brauchte beinahe ein halbes Jahr, bis ich hinter die Auflösung kam. Anzac steht für die Australian and New Zealand Army Corps. Was genau sich hinter diesem Feiertag verbirgt und wie genau Down Under diesen begeht, möchten wir euch hier gerne etwas näher bringen.

Erinnerung an die Anzacs und ihre Taten© Foto:  Stefanie Stadon

1914 kam es zum Ausbruch des 1. Weltkrieges. England erklärte dem deutschen Kaiserreich den Krieg. Als Bündnispartner ließ auch Down Under nicht lange auf sich warten, bis es ebenfalls in den Krieg eintrat. Die 1. große Bewährungsprobe für die Anzacs fand in der Türkei statt. So dirigierte kein geringerer als Winston Churchill u.a. 20.000 australische Soldaten Richtung Türkei und ließ sie am 25.04.1915 in der heutigen Anzac Cove auf der Halbinsel Gallipoli über Bord stürmen. Der türkische Widerstand unter deutscher Führung war immens – die Verluste auf Seiten der Briten und Australier folglich groß. Ein Vorrücken war nicht möglich. Gallipoli entwickelte sich zu einem Stellungskrieg.

Innerhalb der ersten fünf Monate hatten die Australier 2.000 Tote zu beklagen. Im Dezember 1915 zog sich die Armee aus Gallipoli zurück. Das Unternehmen war gescheitert. 8.000 Gefallene hatte die junge Nation zu beklagen, mehr als 9.000 waren verwundet. Die Daheimgebliebenen trauerten – auf ihre so typische Art und Weise. Australier klagen mit Stolz, nicht mit Wehmut. In ihrem Gedächtnis entwickelte sich die Niederlage zum großen Sieg der australischen Nation. Gallipoli war die Bewährungsprobe des noch jungen Landes – das nationale Band war endlich geschmiedet.

Was weder der 26.01.1788 noch 01.01.1901 oder ein anderer Tag bisher vermocht hatten, gelang der Erinnerung an jenen 25. April 1915. An einem türkischen Strand hatten die Anzacs ihre Tüchtigkeit und ihre Kampfkraft vor aller Welt bewiesen. Endlich hatte der 5. Kontinent seine großen, ganz eigenen Helden. Schon im darauffolgenden Jahr feierten die Soldaten an der Front und die Menschen daheim den 25. April als “Anzac Day“. Seit 1927 wird er als offizieller Feiertag begangen.

Shrine of Remembrance in Melbourne© Foto:  Stefanie Stadon

Anzac Day ist kein typischer Feiertag, sondern ein Gedenktag. Es finden keine militärischen Prunkparaden oder Balla Balla Bum Bum statt, um es sehr salopp auszudrücken. Vielmehr steht der Triumph des Mutes, des freien Geistes und der Kameradschaft im Vordergrund. Natürlich wird an diesem Tag gefeiert – aber eben nicht mit unangebrachtem Jubel und Getöse, sondern aus Stolz und Anerkennung heraus. Zentraler Festort ist das Australian War Memorial in Canberra und die dortige Anzac Parade.

Im Morgengrauen, dem Zeitpunkt der Landung in Gallipoli, finden landesweit Zeremonien statt. Es folgt der Marsch durch die Städte: Soldaten, Veteranen, Söhne gefallener Soldaten, die Jugend vom Roten Kreuz, Pfadfinder … Jung und Alt nimmt daran teil. Flaggen und Banner schwingen in der Luft. Hochrangige Leute halten Reden, überreichen Auszeichnungen und Medaillen. Schließlich folgt der Segen. Große Spendenaktionen für Veteranenvereine durchziehen das Land. Der Tag endet mit üppigen Banketts oder privaten Barbecues.

Nicht unwesentlich viel Alkohol fließt dabei in die Kehlen. Auch Glücks- bzw. Trinkspiele, die sonst von offizieller Seite her nicht gern gesehen und unterbunden werden, sind an diesem einen Tag zulässig. Und Australien wäre nicht Australien, wenn es den 25. April nicht auch sportlich begehen würde. An jedem Anzac Day findet der große Footy Clash zwischen dem Teams Essendon und Collingwood statt. Aussie Rules versteht sich. Es wird gefeiert, gesungen und gelacht. Und zwar generationsübergreifend.

Denkmal für die gefallenen Anzacs© Foto:  Stefanie Stadon

Über das ganze Land verstreut, in den noch so kleinsten Städten, finden sich Denkmäler, die an gefallene Anzacs erinnern. Zumeist wurden sie kurz nach dem 1. Weltkrieg errichtet und durch Stelen oder Altäre nachträglich erweitert, sodass auch die Opfer des 2. Weltkrieges und späterer Konflikte namentlich Erwähnung finden. Jede Hauptstadt hat seinen Anzac Schrein, an welchem die zentralen Festfeiern stattfinden, so z.B. den Shrine of Remembrance in Melbourne. Zahlreiche Anzac-Alleen durchziehen das Land und gedenken samt Bäume derjenigen Soldaten, die in Gräbern nahe ihrer Schlachtfelder die letzte Ruhe fanden.

© Foto:  Stefanie Stadon

Der 25. April ist also einer der bedeutendsten Termine des australischen Kalenderjahres.  Auch wenn keiner der Kriege wirklich der ihre war, so wollte Australien sich nicht wie die Schweiz der Südsee verhalten. Es ist der Glaube an ein „Fair Go“, an eine gerechte Sache, um die es sich gemeinsam zu kämpfen lohnt, weil es sie selbst betrifft oder in Zukunft betreffen könnte.

Denn der 1. Weltkrieg rechnete hart mit Australien ab: Von 417.000 Freiwilligen waren mehr als 330.000 in Übersee eingesetzt. Rund 60.000 von ihren starben, über 150.000 kehrten körperlich oder seelisch verwundet in die Heimat zurück. Die Zahlen klingen „bescheiden“ im Vergleich zu den Millionen Toten, die Deutschland zu betrauern hatte. Aber bedenkt man die Einwohnerzahl Australiens, wendet sich das Bild. Im Verhältnis zu seinen fünf Millionen Menschen damals hatte Australien unter allen Alliierten die meisten Toten zu beklagen.

Ein Land, welches erst seit knapp 150 Jahren in den Geschichtsbüchern existierte, welches erst seit 10 Jahren überhaupt eine Nation war und welches nicht im Geringsten etwas mit diesem Krieg zu tun hatte, außer dass Mutter England im europäischen Bündnissystem festhing – dieses Land hatte die größten Verluste zu ertragen. Eine wahrlich aufopferungsvolle Bewährungsprobe.

Wer etwas mehr über die Geschichte Australiens erfahren möchte, kann im eBook „Wie Waltzing Matilda Australien schuf“ (*) nachlesen.


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© Fotos: Stefanie Stadon

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