Panorama

Gastgeberin gewährt Einblicke in Wwoof-Australia

von am 21. September 2016

Im Jahr 2000 wanderte Romana Vlcek nach Australien aus, wo sie mittlerweile im Süden Adelaides auf einer angemieteten Olivenfarm lebt und Tiere züchtet. Seit drei Jahren ist sie als Gastgeberin bei Wwoof dabei. In einem Interview gewährt sie uns persönliche Einblicke in die wunderbare Welt des Wwoofings.
 

© Foto: Romana Vlcek

 

Frage: Romana, wie hast du von Wwoof erfahren?

Romana: „Von deutschen Backpackern! Bis April 2014 lebte ich in Berri, wohin jedes Jahr ganz viele Backpacker zum Orangenpflücken hinfahren. Ich war im Begriff, mit all meinen Haustieren auf eine Farm südlich von Adelaide zu ziehen und brauchte dabei Hilfe. Als alleinstehende Mutter hatte ich mir zuvor schon öfters mal Backpacker vom dortigen Hostel „ausgeliehen“ – mal zum Babysitten, Rasenmähen, für den Hausputz und nun als Umzugshelfer.

Ein Pärchen half mir bei meinem Umzug und klärte mich über Wwoof auf. Kurz darauf wurde ich Mitglied. Ihnen gefiel es bei mir auf der Farm so gut, sodass sie 10 Monate bei mir geblieben sind.“
 

Frage: Wem würdest du empfehlen, Wwoofer zu werden und warum?

Romana: „Im Grunde jedem netten, hilfsbereiten Menschen, der zu den geringstmöglichen Kosten die Welt bereisen und die örtliche Bevölkerung hautnah kennenlernen möchte. Ganz besonders empfehle ich Wwoofing aber den sehr jungen Backpackern mit Working-Holiday-Visa, die noch keine Berufserfahrung haben.
So können sie praktische Fertigkeiten im Bereich der Landwirtschaft und Tierzucht erlernen, was ihnen einen Wettbewerbsvorteil bei bezahlten Jobs verschaffen kann.“
 

© Foto: Romana Vlcek

 

Frage: Welche Arten von Arbeiten werden in der Regel verlangt?

Romana: Da gibt es eine ungeheure Bandbreite. Wwoofing-Farmen in meiner Umgebung produzieren zum Beispiel Eukalyptusöl, sammeln Honig, pflanzen Kräuter und Blumen an, züchten Alpacas, bieten alten Pferden ein Heim, führen ein Bio-Cafe und versorgen Urlaubsgäste auf ihrem Bauernhof, stellen Olivenseife und Kosmetika her, trainieren Kamele, züchten Kaninchen und bringen ihnen Show-Jumping bei, leiten Koala-, Känguru- oder Pinguin-Rettungsstationen und Wildtierparks, und und und … „
 

Frage: Welcher Zeitpunkt ist ideal, um mit dem Wwoofing zu beginnen?

Romana: Manchmal schreiben mir junge Backpacker, dass sie „erst Geld verdienen und ansparen wollen“, um sich dann irgendwann später Wwoofing „leisten zu können“. Das ist völlig verkehrt herum gedacht! Daher empfehle ich gerade jungen Backpackern mit wenig Startkapital, sich gleich zu Anfang ihres Aufenthalts in Australien eine kostenlose Unterkunft zu sichern und mit dem Wwoofing zu beginnen, statt wochenlang in Hostels rumzuhängen und Geld auszugeben.

Da sie beim Wwoofing nur halbtags arbeiten, haben sie mehr als genug Freizeit, in der sie die Gegend erkunden oder auf Jobsuche gehen können und das ganz ohne finanziellen Stress.“
 

Frage: Wie bewirbt man sich um so einen Platz?

Romana: „Einfach eine Farm auswählen und per E-Mail anschreiben oder anrufen. Stell dich kurz vor: Alter, Geschlecht, Nationalität, Berufsausbildung, wie lange bist du schon in Australien und was hast du hier bisher gemacht, reist du allein oder mit Freunden und warum hast du gerade diese Farm ausgewählt?

Du solltest auch ein paar Fragen stellen, um dich zu vergewissern, dass diese Farm die richtige für dich ist (welche Art von Arbeit ist zurzeit zu machen, wo werde ich schlafen usw.) und um die Anreise zu organisieren.“
 

© Foto: Romana Vlcek

 

Frage: Was, wenn es mir auf der Farm nicht gefällt?

Romana: „Du kannst dann jederzeit wieder abreisen. Natürlich kann es vorkommen, dass man sich in einem bestimmten Haushalt nicht wohl fühlt, sich nicht mit dem Farmer versteht oder feststellt, dass einem die dort benötigte Arbeit nicht liegt. Da man als Wwoofer keinen Arbeitsvertrag unterschreibt, ist man auch nicht gebunden.

In der Regel dienen die ersten zwei Tage zum Eingewöhnen und dann kann der Gastgeber wie auch der Gast abschätzen, ob eine längere Zusammenarbeit sinnvoll und angenehm werden dürfte. Immerhin lebt man im selben Haushalt und daher sollte eine gegenseitige Sympathie und gegenseitiges Vertrauen und Verständnis vorhanden sein.

Ist das nicht der Fall, wird der Farmer dich nicht gleich herausschmeißen, sondern dir helfen, schnell eine Ersatzfamilie zu finden und dich danach zumindest zur nächsten Bushaltestelle oder zum Flughafen bringen, um dir die Weiterreise zu erleichtern.“
 

Frage: Ist das nicht Ausbeutung, wenn man Arbeiter für ihre Arbeit nicht bezahlt?

Romana: Nein, beim echten Wwoofing ganz bestimmt nicht – oder zumindest in der Regel nicht. Es kommt natürlich immer auf den Einzelfall an. Wwoofer und ihre Gastgeber haben ganz klar geregelte Rechte und Pflichten; diese stehen im Mitgliedsbuch und jeder Gastgeber muss sich an diese Regeln halten.

Der Umfang (4-6 Stunden pro Tag) und die Art der Arbeiten (hauptsächlich Beschäftigung mit Pflanzen und Tieren) stehen in einem gesunden Verhältnis zu den Kosten für Unterkunft,Verpflegung sowie eventuellen Zusatzleistungen, die dem Besucher geboten werden.“
 

Frage: Verschafft sich der Bio-Bauer nicht trotzdem einen finanziellen Vorteil?

Romana: „Nicht wirklich. Die meisten täglichen Arbeiten auf der Bio-Farm bringen kein unmittelbares Geld ein. Erst wenn man die Früchte seiner Arbeit verkauft, kommt Geld herein – und damit sind dann Arbeiten verbunden wie Ernten oder Marktstände betreuen. Auch ich beschäftige während der Erntezeit bezahlte Lohnarbeiter, zumal zu dieser Zeit viel anstrengendere Arbeit anfällt als man allein oder mit ein oder zwei Kurzzeit-Besuchern schaffen kann. Das sind aber meistens nur ein oder zwei Monate im Jahr, in denen in kurzer Zeit massiv viel Arbeit erledigt werden muss.

Während der restlichen Zeit verdient der Farmer für seine eigene Arbeitszeit auf der Farm normalerweise kein Geld, weswegen die meisten Bio-Bauern auch einen zusätzlichen Beruf haben. Bio-Farmer sind größtenteils einfach ganz normale Gehaltsempfänger oder Rentner, die das Leben in und mit der Natur lieben und eine gesunde, giftfreie Ernährung schätzen.
Wwoofer sind während ihres Aufenthalts praktisch wie mithelfende Familienmitglieder, die dieses naturverbundene, gesunde Leben eine Zeitlang genießen dürfen.“
 

Frage: Können mir Wwoof-Gastgeber zu bezahlten Jobs verhelfen?

Romana: „Genauso wie die Wwoofer ihre Arbeit mit der inneren Einstellung der Hilfsbereitschaft angehen, haben auch die Gastgeber dieselbe innere Einstellung: Sie wollen ihren Hausgästen wertvolle Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln, Freundschaften schließen und ihnen in jeder Hinsicht helfen.

Natürlich hat man als Gastgeber Verständnis dafür, dass ein junger Backpacker auch Geld braucht, um sich nach getaner Arbeit einen richtigen Urlaub im schönen Australien zu gönnen. Viele Gastgeber bieten von sich aus etwas Taschengeld an oder geben dem Wwoofer ein Geldgeschenk für die Weiterreise mit, wenn er sich als besonders nett und hilfreich erwiesen hat.

Der Gastgeber kann aber auch versuchen dem Wwoofer zum bezahlten Job zu verhelfen, indem er bei Freunden und Nachbarn nachfragt oder durch Rat und Tat die Bewerbungsversuche seines Gastes unterstützt.“
 

Frage: Gibt es sonst noch irgendwelche Risiken oder Gefahren?

Romana: „Meiner Meinung nach ist es weitaus gefahrloser, als Wwoofer bei einer registrierten Gastfamilie zu wohnen als in einem Hostel, wo man bestohlen werden kann oder in irgendwelchen Arbeiterunterkünften, die oft schlecht ausgestattet sind.

Gerade bei sehr jungen Backpackern, die erst 18 oder 19 Jahre alt sind und bisher bei den Eltern gelebt haben, empfehle ich auf jeden Fall eine Gastfamilie, in der sie sich sicher fühlen können. Dank der Beschwerdemöglichkeit bei Wwoof kann der Gast zuversichtlich sein, dass der Gastgeber sich an alle Regeln hält und seinen Helfer in jeder Hinsicht gut behandelt.

Zudem ist in der Wwoof-Mitgliedschaft auch eine Unfallversicherung enthalten, die dem jungen Menschen zusätzlichen Schutz verleiht, falls er sich bei der Arbeit verletzten sollte.
Die Eltern des jungen Reisenden können somit beruhigt sein und brauchen sich keine Sorgen zu machen. Jede andere Art des Reisens und Wohnens ist mit Sicherheit riskanter.“
 

Frage: Was war denn dein bestes Wwoofing-Erlebnis?

Romana: „Oh, da könnte ich hunderte von Geschichten erzählen! So gut wie alle meine Wwoofer waren wunderbare, interessante und sehr hilfsbereite Menschen. Wenn ich aber eine einzelne Person herausgreifen soll, dann fällt mir auf Anhieb Satomi ein, ein 25-jähriges Mädchen aus Japan, das 2015 drei Monate bei uns verbrachte, um sich das zweite Visajahr zu sichern.

Während dieser Zeit hatte ich einen Unfall und konnte ein paar Wochen lang nur mit Krücken gehen. Satomi nahm mir sämtliche Lasten von den Schultern. Ich weiß nicht, wie ich diese Zeit ohne ihre Hilfe überstanden hätte. Dafür bin ich ihr bis heute unendlich dankbar.“
 

© Foto: Romana Vlcek

 

Frage: Und was war dein schlimmstes Erlebnis?

Romana: „Schlechte Erlebnisse kamen gottseidank nur ganz selten vor. Natürlich gibt es ab und zu mal Knatsch oder eine Meinungsverschiedenheit, wie in jeder normalen Familie. Wirklich schlimm waren aber die wenigen, die Wwoofing wie eine Fabrikarbeit nach der Stechuhr betrachteten, nach exakt fünf Stunden alles hinwarfen und keine Hand mehr rühren wollten.

Da kam es dann zu Situationen, wo mir zum Beispiel ein Kaninchen aus einem Käfig oder ein Schwein aus dem Stall entkommen war und ich verzweifelt versuchte, das Tier wieder einzufangen. Meine Wwoofer saßen mit der Bierflasche in der Hand in ihren Sesseln, sahen mir zu und lachten sich halbtot!

Diese jungen Leute hatten den Geist des Wwoofing nicht begriffen. Aber wie gesagt, so etwas kommt nur äußerst selten vor. Die große Mehrheit meiner bisherigen Gäste waren sehr ehrliche und anständige Leute.“
 

F: Wie können dich unsere Leser erreichen, wenn sie noch weitere Fragen haben?

Romana: Ich schaue oft ins Reisebine-Forum rein und beantworte dort gern Fragen zu allen Backpacker-Themen und Teilnehmer können mir auch gern private Nachrichten über das Forum zuschicken. Sie finden mich dort unter meinem eigenen Vornamen.

Und sobald sie Wwoof-Mitglied werden, finden sie mich natürlich im dortigen Mitgliedsverzeichnis mit allen meinen privaten Kontaktangaben und weiteren Informationen. Ich stehe gerne für weitere Fragen zur Verfügung.“
 

Danke, Romana, für deine ausführlichen Antworten. Wir wünschen dir noch viel Freude mit deiner Olivenfarm und den Tieren. Als Wwoof-Gastgeberin empfehlen wir dich gerne weiter.
 

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© Fotos: Romana Vlcek
Quelle: Romana Vlcek

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