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Ausgenutzt beim “WWOOFing” – Wenn Freiwillige zu unbezahlten Angestellten werden

Eine laufende Ermittlung des Ministeriums für Unternehmen, Innovation und Beschäftigung brachte alarmierende Zustände in der neuseeländischen Tourismus-Branche zu Tage. Zahlreiche Backpacker-Hostels, Gästehäuser und Motels scheinen zunehmend Profit aus freiwilligen Arbeitern zu schlagen und durch die Ausnutzung unbezahlter Arbeitskräfte das Gleichgewicht im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf der Unterkünfte ins Wanken zu bringen.

Längst ist das WWOOFing-Konzept für Backpacker in Neuseeland kein Fremdwort mehr. Jährlich ergreifen Tausende von ihnen als sogenannte Willing Workers On Organic Farms (Freiwillige Helfer auf Biofarmen) die Möglichkeit, ihr Reisebudget zu schonen und für freie Kost und Logis 3-4 Stunden täglich auf verschiedensten Farmen zu arbeiten.
Kühe melken, Heuballen stapeln, Unkraut sprühen, Schweine füttern, Schafkot einsammeln… WWOOFing kann anstrengend sein, schweißtreibend, ungewohnt und hart, aber darüber hinaus vor allem auch eines – interessant.

Das durfte ich vor einigen Monaten am eigenen Leib erfahren, als ich mich dazu entschloss, dem besonderen Austausch-Konzept im Land der Kiwis eine Chance zu geben. Das Leben in einer einheimischen Gemeinschaft, ein Einblick in den neuseeländischen Landwirtschaftsalltag, der Kulturaustausch und die Möglichkeit, echte Kiwis und das Leben abseits der ausgetretenen Touristen-Pfade kennenzulernen, reizten mich, wie so viele Backpacker zuvor.

Es ging an die Arbeit, verschiedene Farmen wurden angeschrieben, zwei in der Umgebung Christchurchs herausgesucht und dort zwischen Kühen und Schafen, Schweinen und Hühnern drei abwechslungsreiche Wochen verbracht.
Ich übte jede der oben genannten Tätigkeiten mindestens einmal aus, machte Bekanntschaften aus den unterschiedlichsten Ländern und sammelte bei einem echten Kiwi-BBQ am Fluss und einer nervenaufreibenden Fahrt mit einem 4-Wheel-Drive
durch den Fluss eine Reihe unvergessliche Erinnerungen.
Um es kurz zu fassen, ich verbrachte eine aufregende, gewöhnungsbedürftige, manchmal durchwachsene, aber zweifellos erlebnisreiche Zeit.


Der WWOOFing Markt boomt

Dass die Zahlen der neuseeländischen WWOOFing-Arrangements aktuell kontinuierlich steigen und sich das Austausch-Konzept auf dem Backpacker-Markt weiter ausbreitet, scheint eine positive Entwicklung zu sein, die Work & Traveller- sowie Farmerherzen gleichermaßen erfreuen dürfte, doch leider wird der Boom der Freiwilligenarbeit von einem negativen Beigeschmack begleitet.

Stuart Lumsden, dem Chef der lokalen Arbeitsaufsichtsbehörde zufolge, sind seit Februar diesen Jahres mehr als ein Dutzend Beschwerden und Meldungen von Touristen über ihre Ausnutzung als unbezahlte Arbeiter bei der Aufsichtsbehörde eingegangen. 
 

Freiwillige, die sich über ihre Arbeitsbedingungen beklagen – was steckt dahinter?

Über die letzten Monate und Jahre haben nicht nur immer mehr Farmen und Landwirtschaftsbetriebe das Konzept Arbeit gegen Unterkunft für sich entdeckt, sondern auch zahlreiche Tourismus-Unternehmen wie Backpacker-Hostels, Gästehäuser und Motels.
Statt einem kulturellen Austausch und dem verhältnismäßigen Geben & Nehmen wie beim ursprünglichem WWOOFing auf Farmen, sind Touristen-Unterkünfte durch kostenlose Arbeitskräfte vor allem auf eines aus – finanziellen Profit.

Allein in der vergangenen Woche wurden auf der neuseeländischen Webseite Backpacker Board 17 unbezahlte „WWOOFing“-Jobs in Hostels und Motels gelistet, von denen einige sogar eine Mindestverpflichtung von mehreren Monaten verlangen. Dass die besetzten Stellen zum Bettenmachen und Klos putzen nichts mehr mit der ursprünglichen Idee von freiwilliger Farmarbeit zu tun haben, hält Hostel-Besitzer nicht davon ab, den „WWOOFing“-Begriff getrost falsch zu verwenden.
 

© Foto: Laura Kluth


Ungleiche Relation von Arbeit und Vergütung führt zu unbezahltem Angestelltenverhältnis

Weiter schlimm ist das zunächst nicht, gegen etwas Reisegeld sparen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wäre da nicht das Problem der Arbeitsbedingungen.
Über einen mehrwöchigen bzw. mehrmonatigen Zeitraum mit festem Dienstplan gerät nicht selten die Relation von freiwilliger Arbeit gegenüber der Vergütung aus dem Gleichgewicht und es kommt im schlimmsten Fall zu einem unbezahlten Angestelltenverhältnis.

Channy Mao, Anwältin der neuseeländischen Unterkunfts-Webseite AccomodatioNZ erklärt, dass es zum Bruch des Arbeitsgesetzes kommt, sobald ein Unternehmen aus freiwilligen Helfern finanziellen Profit schlägt. Während eines Angestelltenverhältnisses sei der Arbeitgeber normalerweise nicht nur dazu verpflichtet, Steuern auf das Gehalt beziehungsweise die Vergütung seiner Arbeiter zu zahlen, sondern den Arbeitnehmern auch bezahlte Freistellung im Krankheitsfall sowie bei entsprechender Länge bezahlten Urlaub zu gewähren. Des Weiteren müsse die Vergütung, auch wenn sie in Form von Unterkunft und Mahlzeiten erfolgt, dem neuseeländischen Mindestlohn entsprechen, der seit April 2016 15,25 $, also ca. 9,81 € (Stand 4. August 2016) beträgt.

Doch daran ist bei vielen Unterkünften, die „WWOOFer“ anstelle von ausgebildeten Arbeitskräften einsetzen, nicht zu denken. Anders als auf Farmen werden die Freiwilligen in Stadt-Unterkünften häufig nicht nur zur Unterstützung eingestellt. Stattdessen müssen sie den kompletten Haushalt im Betrieb alleine führen und haben keinerlei Einfluss darauf, wann und vor allem was sie arbeiten.

Damals bei meiner Suche in Christchurch stieß ich auf einige Backpacker-Hostels mit ähnlichem Konzept. „Verbindliche vier Stunden Betten machen und Zimmer putzen, an je sechs Tagen die Woche und das für mindestens einen Monat“, waren die Bedingungen, die einige Unterkünfte für ein kostenloses Bett in ihrem Schlafsaal (ohne Mahlzeiten) stellten.

Viele Reisende, die aus dem Ausland nach Neuseeland kommen, um das Land während eines Work & Travel-Aufenthalts zu erkunden, kennen ihre Rechte in Bezug auf das neuseeländische Arbeitsgesetz nicht, weswegen Stuart Lumsden, Chef der lokalen Arbeitsaufsichtsbehörde, aktuell von Tausenden ausgenutzten Backpackern ausgeht.

Dass der kulturelle Austausch-Aspekt zunehmend durch finanzielle Beweggründe in den Hintergrund rückt, bedauert auch Linda Constables. Sie selbst ist als Host auf der Help-Exchange-Webseite angemeldet, die ähnlich wie WWOOF Land- und Grundstücksbesitzer an interessierte Backpacker vermittelt und ihnen die Gelegenheit bietet, echte Kiwis sowie Land und Leute kennenzulernen und in der Landwirtschaft neue Fähigkeiten zu erlernen.
Von einigen ihrer Freiwilligen hat Constables erfahren, dass immer mehr Unterkünfte sich ausschließlich für unbezahlte Backpacker an Stelle von richtigen Angestellten entscheiden, um Geld einzusparen. 


Sind „WWOOFer“ notwendig, um die Tourismus-Industrie aufrecht zu erhalten?

Doch diese Entwicklung hat nicht nur Auswirkung auf die Auslandserfahrungen der Backpacker.
Auch der neuseeländische Arbeitsmarkt und die Wirtschaft werden beeinflusst, denn es entsteht eine negative Kettenreaktion unter den Herbergen, die letztlich immer mehr von ihnen dazu zwingt, auf „freiwillige Helfer“ zurückzugreifen, um im Konkurrenzkampf der Tourismus-Branche nicht unterzugehen.
Hostels, Gästehäuser und auch Motels sind nach eigenen Angaben zunehmend auf kostenlose Angestellte angewiesen, da sie sich sonst nicht mehr gegen andere Unterkünfte behaupten können, die sich das „WWOOFing“-Konzept schon angeeignet haben.

Es kommt die Frage auf, inwiefern neuseeländische Herbergen schon jetzt abhängig von ausländischen Touristen sind, die häufig Jobs erledigen, die keine Einheimischen übernehmen wollen.

Phil Leslie, Manager des All Stars Inn Hostels in Christchurch, erzählt, dass er seine 300-Betten Unterkunft ohne „WWOOFer“ gar nicht erfolgreich führen könnte und daher auf freiwillige Arbeiter zurückgreift, wie ohnehin fast 90% der Unternehmer in seiner Branche. 


Staatliche Untersuchung und Prüfung soll Aufklärung bringen

Da sich das Arbeit-gegen-Unterkunft-Modell in vielen neuseeländischen Herbergen, wie oben erläutert, weit von der ursprünglichen Freiwilligenarbeit auf Farmen entfernt hat und in einigen Fällen die Legalität des Arbeitsverhältnisses anzuzweifeln ist, hat sich nun das neuseeländische Ministerium für Unternehmen, Innovation und Beschäftigung des Themas angenommen und eine Untersuchung mit Prüfungen veranlasst.

Bis dahin empfiehlt die auf Arbeitsrecht spezialisierte Claire English beiden Parteien, Backpackern und Unterkünften (Hosts), eine formale, schriftliche Vereinbarung zu treffen, die die Rahmenbedingungen des Arrangements mit Arbeitszeiten und Art der Tätigkeiten festlegt, um auf diese Weise Enttäuschungen und falschen Erwartungen vorzubeugen.


 Quelle: stuff.co.nz (26.6.16; 27.7.16; 31.7.16)
© Foto: Laura Kluth

Autor/in des Artikels

Alina Klerings

Wie die anderen aus dem Reisebine-Team ist Alina gerne in der Weltgeschichte unterwegs und hat 2015/2016 acht Monate in Neuseeland verbracht. Dort hat sie das Land der Kiwis von oben bis unten bereist und nebenbei ihre Leidenschaft fürs Bungy-Jumping entdeckt.

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