Ein Australier in Berlin

Lost In Translation

von am 18. September 2012
A wie Affe, nicht wie Ape

A wie Affe, nicht wie Ape

Die Zeit rennt! Schon wieder sind zwei Wochen vergangen. Aber wer kennt das nicht – je schöner die Tage, desto häufiger legt die Zeit einen Sprint hin. Und eh man sich versieht, ist man der nächsten Etappe einen großen Schritt näher gekommen. So auch Corey. Seit dem 03.09. ist er ein Schüler – ein Sprachschüler, um genau zu sein. Er war eigentlich froh, die Highschool-Jahre hinter sich gelassen zu haben und das Wort „homework“ aus seinem Wortschatz streichen zu können. Aber das war, bevor ich mich aufmachte, seine Welt ein wenig durcheinander zu bringen und er plötzlich vor der Herausforderung stand, eine neue Sprache zu lernen. HA! Das Leben wäre ja auch verdammt eintönig, so ganz ohne Stolpersteine im Weg.

 

Ein Sonntag am Meer

Ein Sonntag am Meer

Schon bevor Corey nach Berlin kam, versuchte ich ihn mit Lern-Cd’s zum Deutsch-Pauken zu bewegen. Es blieb beim Versuch. Die weibliche Überzeugungskraft funktioniert aus 16.000km Entfernung nicht wirklich gut. Ein Sprach-Kurs konnte erst in Bendigo, 200km südlich von Sea Lake, belegt werden. Volkshochschulen gibt es in Australien eben nicht um jede Ecke. Die Tücken des Busch-Lebens. Corey fand den Umstand nicht ganz so schlimm. Seine Gnadenfrist des Büffelns hielt ein wenig länger an. „Guten Morgen“, „Du hast wunderschöne Aufgaben“ und noch einige, nicht jugendfreie Vokabeln hatte er immerhin schon aufgeschnappt, wenngleich das zu tiefsinnigen Konversationen nicht unbedingt reicht.

Auf geht's

Also präparierte ich die Wohnung kurz vor seiner Ankunft mit Post-Its, auf denen Dinge wie „Kühlschrank“ und „Zahnbürste“ gekritzelt waren. So leben wir zwar jetzt in einem neon-gelb-pinken Zettelwald, aber es funktioniert. Nach Besteck wird nur noch in deutscher Sprache gefragt. Die Auswahl der Sprachschule fiel schon etwas schwerer. Wer hätte auch gedacht, dass in Berlin so viele Menschen jene ruppig klingende Holzfäller-Sprache lernen möchten? Zum einen gibt es die A-Klasse unter den Language-Schools. Die Tafeln sehen hier ganz wunderbar weiß aus und den Kaffee aus dem Automaten gibt es sogar umsonst. Nur bezahlt man für einen 3monatigen Intensivkurs auch locker einen vierstelligen Betrag. So wurde die A-Klasse dezent im Hinterhof abgestellt.

Corey und ich entschieden uns stattdessen für ein gutes Mittelklasse-Modell: Die Neue Schule. Es gibt zahlreiche Einrichtungen des gleichen Formats in derselben Preisklasse, mit und ohne Anzug- & Krawattenträger als Lehrbeauftragte. Was uns an der Neuen Schule überzeugte, war die Aussage, „Kommunikation und Konversation in den Vordergrund zu stellen“. Hier geht es weniger um das Erlernen der korrekten Grammatik, als vielmehr darum, so schnell wie möglich verstehen und selber sprechen zu können. Der Feinschliff kann später noch kommen. Denn mal ehrlich – wenn die meisten von uns Englisch sprechen, steht da auch an so mancher Stelle das Verb im Parkverbot der englischen Satzstruktur.

Die Neue Schule in Berlin

Rechtzeitig zu seinem ersten Schultag gab es für Corey eine Schultüte! Mit der Bärchen-Brotbüchse konnte er nicht ganz so viel anfangen, auch der Radiergummi wurde links liegen gelassen. Aber als er die Snickers-Riegel und M&Ms sah, leuchteten seine Augen wie die eines Erstklässlers. Von Montag bis Freitag 9:00 – 12:15 lernt er nun unsere Sprache. Sein Kurs ist mit 12 Leuten voll besetzt. Darunter befinden sich acht Amerikaner aus dem Big Apple und drei Spanier. Gemeinsam schlagen sie sich durch das „ä“ und „ö“ unserer Muttersprache.Die Zahlen beherrscht Corey mittlerweile ohne größere Schwierigkeiten. Man beachte dabei bitte die korrekte Aussprache der Endung „g“! Ein „Zwanzich“, wie es der Umgangssprachler ohne Umschweife heraus posaunt, wird von Coreys Lehrerin nicht akzeptiert. Höflichkeitsfloskeln a la „Wie geht es dir“ und „Dankeschön“ kommen nur so über die Lippen geschossen.

Gerade lernt er die Geschlechtsvorlieben unserer Substantive. Was ist männlich, was weiblich und was enthält sich lieber der Geschlechtsabstimmung? Mit einem simplen „the“ geben wir Deutsche uns eben nicht zufrieden. Das Beugen der Verben ist eine Sache für sich. Aber im Zweifelsfall verstehen wir Corey auch, wenn er sagt „Ich hast Hunger“, oder? Der wohl größte Stolperstein ist die Aussprache von „e“ und „i“, oder noch schlimmer, von „ei“ und „ie“. Hier ist die Verwirrung einfach zu groß, warum wir Buchstaben genau entgegengesetzt aussprechen, wie es die englische Zunge gewohnt ist. Und von der richtigen Betonung des „e“ ist Corey noch so weit entfernt, wie Sea Lake von Melbourne – ein gutes Stück also. Die Umlaute lassen wir mal hier dezent außen vor. Er ist ja noch in der Probezeit.

Hier qualmt sein Kopf

Diese besteht er allemal. Er versucht, Deutsch zu sprechen, wo er nur kann – auch wenn dabei nur Buchstabensuppe heraus kommt. Zu seinen Hausaufgaben muss ich ihn jeden Tag aufs Neue verdonnern. Aber so sind sie nun einmal – die Schulkinder. Woran ich mich hingegen gewöhnen muss, ist, weniger Englisch mit ihm zu reden. Sätze wie „Schatz, could du bitte pass me die Gabel?“ sind doch erst der Witz dabei, eine neue Sprache zu erlernen und zu erleben.

Warnemünde

Und da es in zwei Wochen nach München zum Oktoberfest geht, kann Corey dann auch gleich den wohl zungenbrecherischten Dialekt unserer Sprache kennen lernen. Nur werde ich ihm bei der Übersetzung nicht mehr helfen können, denn so weit reichen meine Fremdsprachenkenntnisse auch nicht aus.

Bis dahin, Steffi & Corey

STICHWORTE
1 Kommentar
  1. Antworten

    Cathleen

    27. September 2012

    Weiter so! Echt spannend und unterhaltsam geschrieben…

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