Ein Australier in Berlin

O’zapft is – Ein Australier auf der Wiesn

von am 16. Oktober 2012

Ganz oben stehen die Italiener, dann folgen die Österreicher & Amerikaner und schließlich strömen die Australier ein – der Nationenvergleich des größten Volksfestes der Welt zeigt, dass die Leute aus Down Under die wohl längste Reise aufnehmen, um einmal in ihrem Leben Bier aus 1-Liter-Gläsern zu trinken und ganz ohne Ohrfeigen-Gefahr in jede Menge Ausschnitte zu starren.

Über den Durst getrunken

Diesen „Gaudi“ konnte man Corey natürlich nicht vorenthalten. Vom Oktoberfest hatte er vorher schon gehört. Kein Wunder – im Ausland sind wir Deutschen eh alles Bayern, schlürfen den ganzen lieben Tag lang Bier und blasen in die Trompete, bis uns die von Lederhose oder Dirndl eingequetschte Luft ausgeht. Die Welt der blau-weißen Karierten war Corey also bekannt. Auf den Praxistest wollte er jedoch nicht verzichten – und auf den Kulturschock erst recht nicht. Dafür musste natürlich das passende Outfit her. Mein Dirndl war recht schnell gefunden. Das mit der Lederhose dauerte ein wenig länger. Wir haben das „Knackige“ dieser Hosenart unterschätzt und bestellten zunächst eine Nummer zu klein. Das Stehen funktionierte noch, doch spätestens beim Sitzen hätte Corey wohl seinen Allerwertesten entblößt. Socken, Hemd und Hut waren auch schnell gefunden: Allerdings verzichteten wir auf das richtige Schuhwerk und gingen stilsicher in Turnschuhen.

Grins

Freitag Morgen brachen wir mit Sack und Pack Richtung München auf. Die richtige Musi war auch mit dabei, obwohl diese „Best of Oktoberfest-CD“ eher an den Ballermann gehört hätte. Spätestens bei Viva Colonia wurden wir stutzig. Laut gesungen haben wir trotzdem. Nach 7 Stunden Fahrt kamen wir in unserer Unterkunft an: auf dem Wiesn Camp. Eine Kleinstadt aus Zelten – aufgebaut nur für diese zwei Wochen im Herbst. Von Nummer 1 bis 680 war jedes Zelt vertreten. Wir brauchten nur unsere Schlafsäcke sowie Isomatten ausrollen und unsere Herberge war fertig. Schnell schlüpften wir in unser Wochenend-Kostüm und ab ging es auf die Wiesen.

Inmitten der Fahrgeschäfte

Aber nicht, ohne zuvor mit dem Freistaat in Konflikt zu geraten: Großstadtkinder ignorieren bekanntlich häufiger infrastrukturelle Hindernisse in Form von Ampeln, vierspurigen Straßen oder Schienen. So auch wir. Da wir auf dem falschen Gleis standen und der Zug nahte, stolzierten wir über die Schienen – und wurden prompt von der DB-Sicherheit angehalten und unserer Ausweise entzogen. 40€ Sofort-Strafe und ein Schreiben vom Staatsanwalt, hieß es plötzlich. Herrschaftszeiten! Sind die kleinkariert hier unten. Naja, verübeln kann man denen dieses harte Durchgreifen nicht. Wer weiß, was hier in den letzten Jahren schon alles passiert ist. In meinen Kopf jedenfalls schossen die schärfsten Gedanken – was passiert wohl mit Coreys Visa, wenn sein Ausweis auf dem Richtertisch landet? Corey selbst verstand nur Bahnhof und ich war zu nervös, um zu dolmetschen. Drei Mexikanern, die unsere Straftat nachgeahmt haben, erging es ähnlich. Letztendlich erhielten wir dank gutem Zureden und einer dicken Verwarnung unsere Ausweise zurück.

Im Augustinerzelt

Mit ordentlich Adrenalin im Blut ergatterten wir schließlich einen Platz im Armbrustschützenzelt und gelangten dank Erika, unserer Bierzapfanlage, noch jeder an ein Maß Bier, bevor die Musik aus- und die Festbeleuchtung anging. Über die Nacht und den Morgen danach verliere ich besser keinen Buchstaben. Ganz kurz: Die Nacht war kalt, der Boden hart und der Kopf irgendwie schwerer als sonst. Nur der Himmel wollte am Samstag beim „Blau sein“ nicht mitmachen. Er ergraute vielmehr vor sich hin. Wir schafften es gerade noch so auf die Achterbahnen und andere Höllenritte, ehe sich Petrus über uns ergoss. Also ab ins Zelt, diesmal zu den Augustinern. Da blieben wir dann auch bis Abends. Corey bestellte sich zu seinem Maß stets eine Limo dazu. Da ihm unser Bier doch ein wenig zu stark ist, heißt es für ihn stets „Radler“ – oder „Alster“. Wie viele heiß geliebte „Pretzeln“ er gegessen hat – ich weiß es nicht. Irgendwann hörten wir auf, zu zählen. Er hat es jedoch sichtlich genossen. Und die Lederhose in der Nummer größer saß auch noch.

Corey schmeckt's

Zwei Tage auf der Theresienwiese waren genug für uns. Also verbrachten wir den Sonntag mit einem Stadtbummel durch München. Wenn man schon einmal hier unten ist, möchte man auch mal das Dallmayr Prodomo Haus aus der Werbung sehen und sich in die Touri-Massen vor dem Hofbräuhaus stürzen. Ein letzter Abstecher in einen Biergarten mitsamt Knödel & Schweinebraten und es hieß – Berlin, wir kommen zurück!

Und Lächeln bitte

Während wir zu dritt auf der Rückbank unsere Beine aneinander pressten, genoss Corey auf dem Beifahrersitz das neue Fahrgefühl. Das ein oder andere Mal gingen seine Hände nach oben und fanden doch kein Lenkrad. Und bei jedem Überholmanöver bewegte er seinen Kopf nach links und rechts, um unseren souveränen Fahrer Micha bei 180 km/h über die Schulter zu schauen. Nur um sich vorzustellen, wie schön es wäre, jetzt Lucy bei sich zu haben. Lucy ist sein Auto! Und wenn es etwas gibt, was er von zu Hause vermisst, dann ist es sein Holden und die endlosen Highways von Australien.

Servus und bis zum nächsten Mal, Steffi & Corey  

Vor dem Rathaus

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