Australien Work & Travel

Warum finde ich in Australien keinen Job?

von am 15. Dezember 2011

Arbeiten in der Bar in Australien© Foto:  Tourism Northern Territory / Peter Eve

Regelmäßig frage ich mich, wer eigentlich so manchem Working Holiday Maker die Idee in den Kopf gesetzt hat, für eine Auszeit nach Australien zu reisen. Die Klassenkameraden, die das gleiche vorhaben? Die Medien, die meinen, man müsse heutzutage ein Auslandsjahr nachweisen, um gute Jobs zu bekommen? Oder ist es die Unlust, sich mit 19 bereits ins Berufsleben zu stürzen oder an einer Uni langweilige Seminare zu besuchen?

Schlecht vorbereitet, ohne jegliche Arbeitserfahrung und mit viel zu wenig Geld im Gepäck machen sich zahllose Schulabgänger auf, um in Australien ein halbes oder ganzes Jahr zu verbringen. Mit der festen Überzeugung, Australien habe auf sie gewartet, denn Jobs gibt es angeblich ja an jeder Ecke, packen sie ihre Rucksäcke, steigen ins Flugzeug und lassen, frisch in Australien eingetroffen, die Dinge die da – hoffentlich – kommen werden, auf sich zukommen.

Doch die “Dinge” kommen nicht.

Die gelegentlichen Versuche, in Laufentfernung um das eigene Hostel Cafés und Imbissbuden abzuklappern, um nach einem Job zu fragen, sind gescheitert. Nicht mal ins Büro zu einem Gespräch wurde man gebeten. Man wechselt die Stadt. Wenn nicht Sydney dann eben Brisbane. Wenn nicht Cafés, dann eben Hotels. Zimmermädchen braucht man schließlich überall.
Fehlanzeige. “Thank you for coming”.
Die Frustration wächst.
Von Woche zu Woche sinkt die tagesaktuelle Stimmung proportional zur Reisekasse.

Man sucht Hilfe.
Im Hostel: “Geh doch mal zur Fabrik Soundso, vielleicht suchen die noch Leute.” – “Fabrikarbeit? Neeee.”
Im Reisebineforum: “Ich suche einen Job in Sydney, könnt ihr mir Tipps geben?” – Antworten lassen auf sich warten. Was soll man auch schreiben?
Anruf in der Reisebine-Redaktion (“Wisst ihr, wo es Jobs gibt?”), eMails nach Hause (“Mama, ich brauch’ Geld) und die eine oder andere SMS an in Deutschland zurückgelassene Freunde (“Alles cool hier. Jobsuche schwierig.”).

Mit fortschreitender Frustration kommen die ersten Gedanken auf, die Reise vorzeitig abzubrechen. Alles Mist hier:  Zu viele Backpacker sind unterwegs, zu wenige Jobs verfügbar, die australischen Arbeitgeber sind zu arrogant, das Wetter zu schlecht (oder zu gut) …….

Doch anstatt die Schuld den Umständen und Anderen zu geben, wäre es von Vorteil, den mangelnden Erfolg bei der Jobsuche zuerst einmal bei sich selbst zu suchen und sich die alles entscheidende Frage zu stellen: “Warum sollte mich ein australischer Arbeitgeber einstellen?”

Wer bereits mehrere Jahre Berufserfahrung hat der weiß, die Arbeitswelt ist kein “Ponyhof” und kein Arbeitgeber vergibt einen Job an eine Person aus purer Nächstenliebe. Man bekommt den einen oder anderen Job, weil man der Beste war, der sich dafür beworben hat. Weil man andere Bewerber ausgestochen hat, die schlechter ausgebildet, nicht so freundlich, nicht so kompetent gewirkt oder aus anderen Gründen einfach weniger Eindruck gemacht haben als man selbst.

In Australien läuft es nicht anders als überall auf der Welt. Der Beste bekommt den Job.

Somit ist die Frage, mag sie nun in unserer Redaktion am Telefon, im Reisebineforum als Posting oder mag sie verbal an Mitreisende gestellt werden: “warum finde ich keinen Job”, ganz einfach zu beantworten: “Du warst bisher noch nirgendwo der Beste.”

Beginnen wir am Anfang und nicht am Ende, wenn die Frustration bereits überhand genommen hat. Eine gute Ausstrahlung ist vor dem Hintergrund mehrerer Absagen nur schwer aufrecht zu erhalten, doch eine gute Ausstrahlung ist das A & O jeder Bewerbung.

“Lass dir Zeit” ist der erste und wichtigste Rat, den ich jedem Australien-Neuankömmling geben möchte. Genieße das neue Land. Lerne es kennen. Lerne die Menschen und ihre Eigenheiten kennen. Studiere sie.
Setze dich in der Mittagszeit in die Fußgängerzone und schaue der vorbei-eilenden, arbeitenden Bevölkerung nach, die sich einen Snack für die Mittagspause holt. Sie sind chic angezogen, viele im Kostüm, meist schwarz oder dunkelblau.
Was sagt dir das?
In Australien geht es im Berufsleben förmlicher zu als in Deutschland. Und was lernst du daraus? Zum Vorstellungsgespräch muss ich mich chic anziehen. Und es gibt keine Kompromisse. Es gibt auch keine Ausreden à la: “Ich bin doch Backpacker und habe nichts chices eingepackt!” Ja, welchen Arbeitgeber interessiert denn das?

Gehe in eine Boutique, setze dich in ein Restaurant oder kaufe ein Stück Kuchen in einer Bäckerei.
Wie begegnet man dir?
Mit einem strahlenden Lächeln, mit einem freundlichen Spruch: “How are you today?”.
Du findest dieses Strahlelächeln übertrieben und kannst dir nicht vorstellen, es den ganzen Tag aufrecht zu erhalten? Pech, denn auch das interessiert einen australischen Arbeitgeber wenig.

Gehe in ein Café, bestelle einen Latte Macciato und schaue dir die “Baristas” hinter der großen Espressomaschine an. Gekonnt und routiniert nehmen sie deine Bestellung entgegen und “werkeln” an der Maschine, als ob sie nie etwas anderes gemacht haben.
Du bist ehrlich zu dir und erkennst: dein englischer Wortschatz reicht nicht aus, um eine Bestellung aufzunehmen und eine Espressomaschine hast du auch noch nie bedient?
Frage: Wärst du der Beste für diesen Job? Sicherlich nicht.

Zurück zur Frage: Warum finde ich keinen Job in Australien?
Antwort: Weil dein Englisch nicht ausreicht oder weil du nicht genügend lächelst, weil deine beruflichen Kenntnisse zu gering oder deine Ausstrahlung zu negativ und dein äußerliches Erscheinungsbild nicht angemessen sind.

Ändere mindestens eines dieser Kriterien, besser zwei oder drei und werde “der Beste für diesen Job” und deine Jobsuche wird mit Sicherheit erfolgreich!

In diesem Sinn.


Interessantes Interview zum Thema Jobsuche:  “Ich mache alles” – Erfahrungen eines Jobvermittlers


© Foto:  Tourism Northern Territory / Peter Eve

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