Ein Australier in Berlin

Gegen den Strom – Von einem australischen Backpacker in Deutschland

von am 8. August 2012

Australien ist das Traumland vieler Menschen. Sei es Urlaub, Geschäftsreise oder der Genuss eines Auslandssemesters – es gibt viele Wege, etwas weniger oder auch mehr Zeit in Down Under zu verbringen. Der wohl beliebteste Weg für unsere jüngeren Reisebine-Leser ist das Work & Travel Visum. Zwölf Monate reisen und/oder arbeiten, wie es gerade kommt. Hauptsache weg von verregneten Sommern, viel zu kalten Wintern und behördlichem Spießrutenlaufen – der deutschen Heimat wird bis auf Weiteres der Rücken zugedreht. Doch es geht auch anders herum! Reisebine möchte euch einen jungen Australier vorstellen, der seit heute für ein Jahr mit einem Work & Travel Visum – oder wie es so schön auf deutsch heißt: Ferienarbeitsaufenthaltserlaubnis – in Berlin lebt.

Das ist er - Corey

Das ist er – Corey

Wer ist dieser wagemutige Aussie, der den 5. Kontinent hinter sich lässt, um gegen den Backpacker-Strom zu schwimmen? Er heißt Corey, ist 22 Jahre alt und lebte bisher in einem winzigen Nest namens Sea Lake im Nordwesten Victorias. Versucht es erst gar nicht, auf der Karte zu finden. Es ist zu klein für die meisten Maßstäbe. Nachdem er seine Ausbildung zum „builder“ nach einem Jahr abbrechen musste, da sein Lehrbetrieb bankrott ging, arbeitete er seitdem in einer örtlichen Fabrik und verfeinerte/verpackte Salz in Unmengen. Leise rieselt der Schnee – so zumindest sah er nach Feierabend aus. Kein Wunder, dass er sein Essen lieber nüchtern mag: von Salz hat er vorerst genug. Ob er schon weiß, dass dieses weiße feine Gewürz der Renner in deutschen Küchen ist?

That's Sea Lake!

That’s Sea Lake!

Was die Freizeitgestaltung in Sea Lake betrifft – viel zu erwähnen gibt es hier nicht. Swan Hill, die nächst größere Stadt, in der sich Restaurants, eine Shopping Straße und ein kleines historisches Museum befindet, ist eine Autostunde entfernt. 200 km weiter südlich liegt Bendigo. Hier gibt es immerhin eine Bowling Bahn, ein Kino und sogar Clubs. Und Melbourne, ja Melbourne mit all seinen Vergnügungen ist schlappe 400 km entfernt. Ihr merkt, all das, womit sich junge Menschen heutzutage die Freizeit versüßen, liegt nicht gerade in unmittelbarer Nähe von Coreys Heimatort. Das Leben eines Busch-Menschen eben. Sea Lake bietet zwei Cafés, einen Swimmingpool, eine Bücherei, tausende von Kaninchen, die dem Farmer zu liebe in nächtlichen Shotting-Aktionen um die Ecke gebracht werden und unzählige Kilometer gähnend leeren Highway-Betons, auf dem es sich mit den aufgemotzten Autos wunderbar herum cruisen lässt.  Und schließlich gäbe es da noch die zwei Pubs, in dem sich Jung und Alt zu ihrem Frühstücks-, Mittags- und Feierabendbierchen treffen.

Der Pub, in dem sich beide kennenlernten

Der Pub, in dem sich beide kennenlernten

Corey gehörte nicht unbedingt zu den Stammgästen des Pubs – bis er im November 2010 erfuhr, dass zwei neue Backpackerinnen aus Deutschland dort hingezogen sind. Weil Sea Lake keine weiteren Attraktionen hat, ist die Beschau der neuen Barmaids Anlass genug, Geld in Alkohol zu investieren. Dann sah er sie – Steffi aus Berlin. Sie mixte ihm Johnny Walker mit Cola, beide spielten unzählige Male Billard miteinander, er schaute immer häufiger nach der Arbeit vorbei, sie gab allen anderen einen Korb und schließlich zog er zu ihr in den Pub. Die einheimische Gerüchteküche kochte längst auf Hochtouren.

Höhenflüge auf der Harbour Bridge

Höhenflüge auf der Harbour Bridge

Im August 2011 lief Steffis Visum aus – sie ging zurück nach Berlin. Doch dank Skype und Smartphone fühlten sich die 16.000km Entfernung ganz nah an. Im Dezember war es dann soweit – Corey kam für einen Monat in die deutsche Hauptstadt und erlebte Weihnachten und Silvester im einheimischen Stil, nur leider ohne Schnee und Minusgrade. Mitte Februar flog Steffi für die Hochzeit seines Bruders erneut nach Australien – dieses Mal als Tourist. Eine Entscheidung musste her. Corey traf sie, indem er sich für ein Work & Travel Visum bewarb.

Der erste echte Weihnachtsbaum für den Australier

Der erste echte Weihnachtsbaum für den Australier

Reisebine begleitet Corey in den nächsten Monaten und lässt euch an seinen Erlebnissen in unserem Land teilhaben – sei es mit der von uns innig geliebten Bürokratie, über seine Erfolge beim Lernen der deutschen Sprache a la „Trenne nie st, denn es tut ihnen weh“ oder der Erkundung des mecklenburgischen Flachlands bis hin zu den luftigen Höhen Bayerns. Also seid gespannt auf sein großes Abenteuer und grüßt Australien von ihm. Er wird es vermissen – zumindest die Meat Pies und Australian Footy. Ich jedenfalls freue mich, meinen Freund nicht mehr am anderen Ende der Welt zu haben, sondern hier bei mir. Und solange er gegen den üblichen Backpacker-Strom schwimmt, bin ich nur allzu gerne sein Rettungsring.

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